Der einsame Kämpfer


Marcel Bohnert führte in Afghanistan eine Kampfkompanie. Heute diskutiert er mit Offiziersanwärtern über soldatische Ethik. Die Studenten und der Hauptmann dienen in derselben Armee. Doch sie trennen Welten.
 

Als Marcel Bohnert im Januar 2012 aus Afghanistan zurückkehrt, fällt er nicht sonderlich auf. Als Teil einer großen, in sandfarbene Flecktarnuniformen gekleideten Gruppe kommt der Hauptmann aus dem Ankunfts-terminal des Flughafens Hannover. Doch Bohnert ist anders. In seinem Gepäck trägt er Erfahrungen, die ihn verändert haben. Als Chef einer Kampfkompanie in Kundus hat er 200 Tage lang in der „Schlammzone“ geackert. Schlammzone – so nennen die Soldaten die Gebiete, in denen sie gegen die Aufständischen vorgehen. Er hat die Verantwortung für bis zu 250 Männer und Frauen getragen, ohne ihren Angehörigen vorher versprechen zu können, die Söhne und Töchter, Ehemänner und Ehefrauen, Väter und Mütter wieder heil nach Hause zu bringen. Nun ist er zurück.

Wie soll Bohnert seinen Eltern und seiner Freundin erklären, was er erlebt hat: Wie es sich anfühlt, bei mehr als 50 Grad Celsius mit 30 Kilogramm Gepäck durch afghanische Dörfer zu patrouillieren, wenn die Splitterschutzweste auf die Schultern drückt und Munition, Waffe sowie Wasservorräte bleischwer am Körper hängen. Wenn trotz Kraft- und Ausdauertraining in den Monaten vor dem Einsatz nach Stunden in staubtrockener Hitze die Kräfte schwinden. Wie es an den Nerven zehrt, ständig mit der Explosion einer improvisierten Sprengfalle rechnen zu müssen und jeder Hirte, jede Brücke den Tod oder, schlimmer noch, eine schwere Verwundung bedeuten können. Es ist ein Zustand, den Bohnerts Angehörige genausowenig nachfühlen können wie die meisten seiner Kameraden in der Bundeswehr. Afghanistan, das bedeutet für das Gros der deutschen Soldaten Lageralltag statt Fronterlebnisse, Betonwände statt Splitterschutzweste, Salatbüffet statt Hartkekse.

 

Die zwei Welten

 

Der Kriegsheimkehrer Marcel Bohnert hat zwei Welten gesehen. Sie haben sein Bild von der geschlossenen Einsatztruppe zerstört. In der einen Welt sitzen die Lagersoldaten geschützt hinter hohen Mauern, in der anderen bewegen sich die Frauen und Männer seiner Kampfkompanie durch die feindliche Umgebung. Die einen sind „Drinnies“, die anderen „Draußies“. Wenn sie aufeinandertreffen, dann knallt es.

Im Herbst 2010 kann Bohnert den Graben zwischen beiden Fraktionen erstmals erkennen. Es ist eine Zeit schwerer Gefechte im Unruhedistrikt Chahar Darreh, als er für eine mehrwöchige Erkundung im Land ist. Er trifft auf Kameraden, die im Krieg stehen. Doch während im Raum Kunduz Soldaten sterben und verwundet werden, machen sich innerhalb des Camps Marmal bei Mazar-i-Sharif die „Drinnies“ Sorgen wegen fehlender Partnerinnen für einen Tanzkurs. Nicht alle Soldaten sind so, aber die Kluft in den Einsatzkontingenten wird bald so tief sein, dass der Wehrbeauftragte in einem Bericht später den Zusammenhalt ganzer Einsatzkontingente gefährdet sieht.

Oberst Dr. Uwe Hartmann hat die Erschütterung erkannt, die der Afghanistankrieg bei Soldaten wie Bohnert ausgelöst hat. Der Leiter des Studentenbereichs der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität (HSU) steht im November 2012 in einem Seminarraum, um ihn herum rund 30 angehende Offiziere. Das wöchentliche „Ethik-Curriculum“ ist seine Antwort auf die Kluft, die Heimkehrer wie Bohnert zwischen Theorie und Praxis im Soldatenberuf ausgemacht haben. Anders als es der abstrakte Titel des Seminars vermuten lässt, thematisiert es handfeste Fragen, die sich Soldaten in Auslandseinsätzen stellen: Wie sollen militärische Führer damit umgehen, wenn sie im Einsatz einerseits die Zivilbevölkerung, andererseits ihre eigenen Männer und Frauen schützen wollen? Wie gehen Soldaten mit dem Risiko um, getötet oder verwundet zu werden? Und wie können sie Partner, Eltern und Kinder beruhigen, die in ständiger Angst um die Soldaten leben? Die Studenten sollen über ethisch und moralisch fordernde Situationen, wie sie Bohnert erlebt hat, nachdenken, bevor sie in solchen stecken. Dem Referenten, den Hartmann an jenem Abend eingeladen hat, hören die Studierenden aufmerksam zu. Es ist Marcel Bohnert.

 

Vom Einsatz an die Uni

 

Bohnert, inzwischen Fachbereichsleiter an der Helmut-Schmidt-Universität, berichtet von seiner Kompanie, die in einem kahlen afghanischen Polizeiposten lebte, die Feldbetten auf den nackten Beton gestellt hat oder in der Wüste übernachtete, geschützt in einer Wagenburg aus gepanzerten Fahrzeugen. „Ein Kamerad sichert, der andere schläft“, sagt Bohnert. Anders gehe es nicht, wenn eine Patrouille tagelang im Feindesland operiere und für ein paar Stunden zu Kräften kommen solle. Der 33 Jahre alte Hauptmann zeigt den Studierenden Fotos von Soldaten, die so alt sind wie sie, der ein oder andere auch jünger, zusammengesunken und doch auf Posten, völlig erschöpft an eine Wand gelehnt, sich im Schlaf noch an die Waffe klammernd, ständig bereit, einen Angriff abzuwehren. Seinen normalen Schlafrhythmus, sagt Bohnert, habe er bis heute nicht wiedergefunden.
 
Er berichtet, dass sich seine Soldaten veränderten, dass sie sich immer stärker nur noch um ihre elementarsten Bedürfnisse kümmerten. Schlafen, essen, trinken, Punkt. Liebe, Partnerschaft, Wertekanon  – all das verblasse „draußen“ im Kampf gegen die Aufständischen, wo nur das eigene Überleben und das der Kameraden zähle. Die Toleranz gegenüber Menschen außerhalb der Gruppe hingegen schwinde. Noch heute schüttelt Bohnert den Kopf, wenn er sich an die Rückkehr ins Feldlager nach mehreren Wochen im Aufständischengebiet erinnert. „Wir hatten die Panzerhaubitze zu unserer Unterstützung schießen lassen. Dann fragten uns die Kameraden, ob das nötig gewesen sei. Sie regten sich auf, weil die Fernseher gewackelt hätten.“

Ein andermal, schildert Bohnert den Studierenden, habe er nach zwei Wochen Abwesenheit im Feldlager seine E-Mails abgerufen. In den 150 Nachrichten seines Postfachs sei es zum größten Teil um Nebensächlichkeiten gegangen – etwa  darum, 
wann der Pool wieder benutzt werden könne. Es sind solche Momente, die Bohnert noch lange nach seinem Einsatz beschäftigen. Die Studierenden lauschen aufmerksam seiner Schilderung. Sie versuchen, das Gesagte nachzuvollziehen. Nachfühlen können sie es nicht.

 

Die „Drinnies-Draußies“-Problematik

 

Bohnert hat über die „Drinnies-Draußies“-Problematik in Bundeswehrmedien geschrieben. Die Reaktionen, sagt er, seien „bis hoch zur Generalität“ höchst unterschiedlich gewesen, die Ausführungen jedenfalls hätten „ordentlich reingehauen“ und für Aufsehen gesorgt. Kein Wunder, denn Bohnert hat angesprochen, was nicht sein darf: Das Band zwischen Bundeswehrsoldaten soll nicht in erster Linie durch Befehl und Gehorsam zusammengehalten werden, sondern durch Kameradschaft, vor allem im Einsatz. Doch wenn die Soldaten mit dem höchsten Risiko fühlen, dass sie von ihren Kameraden in der „Etappe“ nicht voll unterstützt werden, dann stimmt etwa Grundlegendes nicht mehr. Das öffentlich anzuprangern, bedarf einigen Mutes. So oder so ähnlich wie Bohnert haben den Afghanistaneinsatz zahlreiche Bataillonskommandeure, Kompaniechefs und Zugführer erlebt. Aber kaum einer von ihnen hat sein Unbehagen, mehr noch: die oftmals mit dem ignoranten Verhalten in der „Etappe“ einhergehenden Komplikationen für die Truppen in der „Schlammzone“ offen angesprochen. Dabei gehört dies zum Kern der Inneren Führung: Fehlentwicklungen müssen ohne persönliche Nachteile für denjenigen angesprochen werden dürfen, der sie kommuniziert. Doch damit tut sich das Führungskorps der Bundeswehr des 21. Jahrhunderts außerordentlich schwer.


Bohnert ist noch nicht fertig. Er berichtet, dass sich Soldaten im Kampfeinsatz  mit jedem toten und verletzten Kameraden immer weniger als „Staatsbürger in Uniform“ und immer mehr als Kämpfer sähen. Nicht alle Studierenden finden das schlimm. „Warum ist der Begriff des Kämpfers immer so negativ besetzt?“, fragt einer von ihnen. „Wir Soldaten sind doch Kämpfer.“ Ein anderer sieht gar keinen Widerspruch: „Für mich ist der Kämpfer im Konzept des Staatsbürgers in Uniform schon eingebaut.“ Ein Dritter bemerkt: „Das Konzept der Inneren Führung muss auf jeden Fall weiterentwickelt werden. Es mag nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Not heraus entstanden sein, kommt aber den Entwicklungen heute nicht immer hinterher.“

Die Kritik des jungen Offiziersanwärters teilen viele Soldaten. Auch Hauptmann Bohnert kennt die schlicht veralteten Passagen der Inneren Führung, die für den kalten Stellungskrieg im Ost-West-Konflikt taugten, nicht aber für den asymmetrischen Kampf der Gegenwart. Die Innere Führung will er deswegen zwar nicht ad acta legen. Doch er fordert mehr Realitätssinn: „Wir brauchen ein Leitbild, das jede Situation unseres Handelns abdeckt, im Einsatz und daheim.“

 

Das Konzept der Inneren Führung


Oberst Hartmann kennt diese und ähnliche Debatten bereits. Er ist eine Soldatengeneration älter als Hauptmann Bohnert. Es sind seine Altersgenossen, die heute über Grundlagen wie das Konzept der Inneren Führung befinden und damit das Leitbild für den Soldaten von morgen prägen. Wie seine Offizieranwärter an der Universität hat auch Hartmann einst mit seinen Vorgesetzten diskutiert. Statt fertige Antworten zu liefern, konfrontiert er die Studierenden lieber mit Fragen und liefert Fallbeispiele. „Nehmen wir das Beispiel von Oberst Klein“, sagt er. Die Entscheidung, im September 2009 zwei Tanklastwagen bei Kundus zu bombardieren, sei ethisch schwierig und werde bis heute unterschiedlich bewertet. Wie solle man handeln? Eine Antwort darauf kann auch er nicht liefern. Letztlich, sagt er, gehe es bei allen Diskussionen um eine Frage: In welchen Situationen setzt man Gewalt ein? „Mir ist es wichtig, dass die jungen Soldaten ein Selbstverständnis entwickeln, damit sie auch in schwierigen Situationen klarkommen und mit ihren Entscheidungen leben können“, sagt Hartmann.

Auch wenn die Studierenden gespannt zuhören und diskutieren, sind die Schilderungen aus dem Kampfeinsatz für sie weit weg. Mit den Auslandmissionen der Bundeswehr haben sich die Offiziersanwärter zwar beschäftigt – allerdings in einer Art und Weise, die Fachbereichsleiter Bohnert verwundert. Eine junge Frau erklärt, sie habe sich für die Marine entschieden, „weil man da nicht so oft nach Afghanistan kommt“. Ein junger Mann ergänzt: „Ich habe die Offizierlaufbahn eingeschlagen, weil ich bei den Einsätzen nicht das letzte Glied in der Kette sein will.“ Bohnert kann kaum glauben, was er hört. Offenbar scheint der überwiegende Teil seiner Studierenden darauf zu setzen, auch einmal als „Drinnie“ Dienst schieben zu können oder die Härten der Mannschaften und Unteroffiziere im Feld anderweitig umgehen zu können. Er hält das für „blauäugig“. Weder die Zugehörigkeit zur Marine noch ein Offizierdienstgrad schütze vor einem Kampfeinsatz. Im Gegenteil: „Ich habe oft genug als militärischer Führer das mitgemacht, was ich meinen Männern und Frauen abverlangt habe.“ Genau darum, sagt er, gehe es bei der Inneren Führung heute doch.

 

Ohne erhobenen Zeigefinger 

 

Marcel Bohnert versucht, den Offiziersanwärtern ohne erhobenen Zeigefinger klarzumachen, dass dieses Gesprächsthema nicht die Kür, sondern die Pflicht für sie ist. Seine Einsatzerfahrung, seine Authentizität wirken auf die jungen Frauen und Männer überzeugend. Die Studenten spüren, dass hier nicht ein Ahnungsloser ein Programm abspult. Sie stehen gerade erst am Beginn des Ethik-Curriculums, über das sie anfangs gestöhnt haben. Sie haben gefragt, wofür sie das überhaupt brauchen. Doch die streitbare Position des einsatzerfahrenen Hauptmanns fordert die Offiziersanwärter mehr heraus, als es ein Philosophietext je könnte. „Reden Sie mir nicht nach dem Mund“, hatte Marcel Bohnert in einer Dienstanweisung an die Teilnehmer vor Beginn des Seminars geschrieben und ergänzt: „Wichtig ist, dass niemandem – insbesondere nicht mir – langweilig wird.“ Davon kann wohl kaum die Rede sein, gleichwohl ist manche Folge des Ethik-Seminars an der Hamburger Universität wohl eher ungewollt: Wie es heißt, sollen einige Studenten über die Auseinandersetzung mit den ethischen Fragen des Soldatenberufs die Kündigung eingereicht haben.

Wie der Konflikt zwischen „Drinnies“ und „Draußies“ zu entschärfen ist, wissen auch die Studierenden nicht. Eine Offiziersanwärterin schlägt vor, eine Medaille zu stiften. Mit Blech allein dürfte sich die Kluft aber nicht überbrücken lassen. Andere behaupten, für sie stelle der Graben zwischen Front und Etappe kein größeres Problem dar. Bohnert hofft, dass das die angehenden Offiziere nach dem Einsatz noch genauso sehen. Von einem gemeinsamen Werteverständnis sind die Studierenden und er weit entfernt. Bohnert kommt das bekannt vor. Ein wenig fühlt sich der ehemalige Kompaniechef wieder wie der Offizier, der vor gut einem Jahr in einem Pulk von Einsatzheimkehrern aus dem Flughafenterminal kam. Der aussah wie seine Kameraden neben ihm – und doch so anders war.


erschienen in: "Loyal - Magazin für Sicherheitspolitik"